Wer mit offenen Augen durch Graz geht, sieht plötzlich überall Obst. Nicht im Supermarktregal, sondern dort, wo man es am wenigsten erwartet: Haselsträucher mitten am Jakominiplatz, Feigen am Schlossberg, Felsenbirnen direkt bei der Grazer Burg. In den Parks von Geidorf reifen Kirschen, Zwetschken, Birnen und Nüsse – oft nur ein paar Schritte vom Spielplatz entfernt.
Und das ist erst der Anfang. In der Steiermark prägen neben unzähligen Apfelsorten vor allem Birnbäume das Landschaftsbild – allen voran die Hirschbirne. Dazu kommen Kirschen, Zwetschken, Walnüsse und Kriecherl. Allein die Apfelsortenvielfalt in Österreich wird auf über 3.000 geschätzt – und das sind nur die bekannten. Viele davon sind alte, robuste Sorten mit Namen wie Maschanzker, Schafsnase oder Kronprinz Rudolf: vielfältiger und geschmacklich intensiver als auf Größe und perfektes Aussehen gezüchtetes Plantagenobst, dabei oft weniger empfindlich und besser an unser Klima angepasst.
Ein Obstgarten mitten in der Stadt
Graz gehört seit 2012 zu den „essbaren Städten" – Grünraum ist hier nicht nur zum Anschauen da. In vielen Parks und Grünflächen, teilweise auch entlang von Straßen, stehen Obstbäume, deren Früchte von der Bevölkerung geerntet werden dürfen. Wo genau, das zeigen heute digitale Karten wie die an der TU Graz entstandene fruitmap oder die Mundraub-App, in die die Stadt Graz mittlerweile ihren Obstbaumbestand eingebunden hat.
Dahinter steckt mehr als Nostalgie. Öffentliche Obstbäume fördern die Biodiversität und schaffen Lebensräume – besonders bestäubende Insekten profitieren von heimischen Obstbäumen und Sträuchern. Streuobstwiesen gelten sogar als die artenreichsten Lebensräume unserer Kulturlandschaft, in denen sich bis zu 5.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten tummeln. Ein einziger alter Apfelbaum ist damit ein kleines Ökosystem – Nahrung, Schatten, Wohnraum in einem.
Von der Straße in die Flasche
Genau hier fängt Grazider an. Denn so viel in und um Graz wächst – das meiste davon verrottet in der Erntezeit ungenutzt, bleibt liegen, bleibt übrig. Weil es sich für niemanden „rechnet", weil die Früchte nicht der Supermarktnorm entsprechen, oder einfach, weil niemand hinschaut.
Wir schauen hin. Unser Obst kommt zu einem großen Teil aus genau diesen Quellen: von Privatgärten, Streuobstwiesen und öffentlichen Bäumen rund um Graz, deren Ernte sonst am Boden landen würde. Gerettetes Obst, das statt zu verkommen zu einem Zider wird. It's Apple in the City – wörtlich.
Selber pflanzen zählt auch
Das Schönste an Stadtobst: Jeder kann mitmachen. Mit dem richtigen Anpflanzen verschiedener Apfel- und Birnbäume hat man fast das ganze Jahr über Obst aus dem eigenen Garten – und tut nebenbei Bienen, Vögeln und dem Stadtklima etwas Gutes. Wer eine alte, robuste Sorte statt einer Standardzüchtung setzt, hilft sogar mit, ein Stück steirisches Kulturerbe zu erhalten. Ein Hochstamm im Garten, ein Beerenstrauch am Gehweg, ein Baum für die Nachbarschaft: So wächst die essbare Stadt weiter.